
Wer die Nacht bisher gesucht hat, hat sie zwischen Rhein und Westerwald gesucht. So wurde es weitererzählt, und es war nicht gelogen. Eine Sage nimmt sich den Raum, den man ihr lässt, und man hat ihr viel Raum gelassen.
Die Försterin hat die Karte seit Wochen nicht angerührt. Sie lag im Forsthaus, beschwert mit zwei Steinen, und wer sie sehen wollte, bekam denselben Satz. Eine Karte zeichnet man nicht neu, solange sich das Land nicht entschieden hat.
Das Land hat sich entschieden. Der Bach, der zweimal gedreht hat, läuft jetzt in einem Bett, das auf keinem Blatt verzeichnet ist. Zwei Vermessungspunkte, in Stein gehauen vor längerer Zeit, als irgendjemand hier lebt, stimmen nicht mehr mit ihren Zahlen überein. Kein Beben, kein Riss. Das Land hat sich bewegt, wie sich ein Schläfer bewegt, ohne aufzuwachen.
„Ich messe seit dreißig Jahren. Steine wandern nicht. Diese zwei sind gewandert, beide in dieselbe Richtung, und zwar von dort weg, wo alle immer gesucht haben.“Die Försterin
In derselben Woche hörte der Funkamateur die Frequenz zum ersten Mal aus einer Richtung. Vier Sommer lang kam sie von überall und nirgends, ein Ton ohne Herkunft. Jetzt ist sie stark genug, um ihr eine Antenne entgegenzuhalten. Er hat es von zwei Hügeln aus gemacht, in zwei Nächten, und die Winkel notiert.
„Zwei Linien auf dem Blatt. Wo sie sich schneiden, habe ich aufgehört zu rechnen. Manches will man wissen, und dann weiß man es und wünscht sich das Nichtwissen zurück.“Der Funkamateur
In der Nacht auf Montag hob sich der Nebel über dem Tal. Nicht überall, nur dort. Ein Loch in der Decke, ein paar Stunden lang, als würde etwas Luft holen. Die Försterin hat die Karte neu gezogen, die Linien des Funkamateurs daraufgelegt und dann den Zirkel genommen.
Der Kreis liegt tiefer im Westerwald, als alle dachten. Der Rhein war nie ihr Ufer. Wer das Nadelloch in der Mitte sucht, sucht falsch — dort stand der Zirkel, nicht die Nacht. Sie ist irgendwo unter diesem Kreis, zwischen Tannen, an einer Stelle, die die Karte nicht verrät und die Försterin nicht sagt.
Mehr Karte gibt es nicht, bis der Vorhang fällt. Aber zum ersten Mal kann man mit dem Finger auf ein Stück Land zeigen und sagen, dort drin. Zum ersten Mal ist die Nacht ein Ort und nicht nur eine Richtung.

















