„Ich höre nicht eine Hand. Ich höre vier.“
Im Tal sagt man, eine Nacht beginnt nicht von selbst. Sie beginnt, wenn drei Zeichen zusammenstehen. Niemand weiß mehr, wer das zuerst gesagt hat, aber wer danach fragt, bekommt immer dieselben drei genannt, in derselben Reihenfolge, als läse man sie von einer Wand ab, die keiner mehr sehen kann.
Das erste Zeichen ist die Frequenz. Der Funkamateur hat aufgehört, sie zu suchen, weil er sie nicht mehr suchen muss. Sie ist jeden Abend da, zur selben Zeit, und sie hält einen Takt. Früher, sagt er, sei da nur Rauschen gewesen. Jetzt zählt etwas mit. Er hat es aufgenommen und rückwärts abgespielt, aus alter Gewohnheit. Es klang vorwärts genauso.
Wach hält ihn aber etwas anderes. Ein Funker erkennt den, der sendet, an der Hand und nicht am Namen. Daran, wie einer drückt, wie lang er hält, wo er stolpert. Fünfzig Jahre lang hat er so gewusst, wer am anderen Ende sitzt, ohne dass es ihm jemand sagen musste. Seit dem Frühjahr hört er in diesem Takt nicht eine Hand.
„Vier Handschriften, sauber auseinanderzuhalten. Sie lösen einander ab wie Wachen, und keine reißt ab. Ich habe mitgeschrieben, Abend für Abend, und irgendwann lagen vier Namen auf dem Papier. Fragen Sie mich nicht, woher sie kamen. Ich habe sie mir nicht ausgedacht. Ich habe sie gehört.“Der Funkamateur
Boose. Switch. Obikaschkenobi. Strahlemann. Den Zettel hat er eine Woche in der Schublade liegen lassen, bevor er ihn jemandem zeigte. Dann erfuhr er, dass die vier Namen längst durchs Tal gingen, auf Papier, das von Hand zu Hand wanderte, auf Bildschirmen, in Küchen, in denen kein Empfänger steht. Das Tal hatte sie getragen, bevor er sie aussprach. So sei das immer, sagt er. Eine Frequenz gehört keinem Sender, bis sie welche findet. Diese hat vier gefunden.
Das zweite Zeichen sind die Türme. Sie stehen da, wo tagsüber kein Weg hinführt. Wer es bei Licht versucht, landet an einem Feld, an einem Zaun, an derselben Stelle, an der er schon einmal war. Aber nachts, wenn man nicht hinsehen will, sieht man sie am Rand des Augenwinkels wachsen. Manche haben Schemen dazwischen bemerkt, die Kisten tragen, ruhig, ohne Licht, ohne ein Wort. Einer hat ein Pult gesehen, dort vorn, wo niemand ein Pult hinstellt. Er hat es einmal erzählt und danach nicht mehr. Seine Frau sagt, er schläft seither bei angeschaltetem Radio.
„Ich fahre die Strecke seit zwanzig Jahren. Vorletzte Woche standen da Gerüste am Waldrand, schwarz, mannshoch, dann höher. Ich habe angehalten und fotografiert. Auf dem Foto ist nur Wald.“Ein Fahrer, der lieber nicht genannt wird
Das dritte Zeichen ist das leiseste, und es ist das, das den Leuten Angst macht. Die Schlüssel wandern. Von Hand zu Hand, an Küchentischen, in Nachrichten, die niemand laut vorliest. Wer einen bekommt, wird still. Nicht ängstlich, eher wie jemand, der ein Geheimnis hütet, das größer ist als er. Und wer genau hinsieht, merkt, dass die Stillen immer mehr werden.
Zwei der Zeichen stehen jetzt. Die Frequenz hat Namen, die Türme wachsen. Das dritte hat gerade erst begonnen. Und die Alten, die von der früheren Nacht wissen, von der Wand aus Luft, von den Händen, die wechselten, die fragt man besser nicht, ob es damals auch so angefangen hat. Man fragt es trotzdem. Sie antworten nicht mit Worten. Sie krempeln den Ärmel hoch und halten einem den Unterarm hin, auf dem sich die Haut zusammenzieht. Sie sagen nichts. Sie müssen nicht. Es kommt jetzt jeden Abend.
Wenn das dritte Zeichen steht, sagen sie, gibt es kein Zurück mehr. Und einer im Tal zählt bereits die Schlüssel.